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31.01.2020
Interview mit Prof. Dittmer zum Coronavirus

Professor Ulf Dittmer leitet das Institut für Virologie am Essener Uniklinikum. Die derzeitige Hysterie in Deutschland hält er für übertrieben.

 

Herr Professor Dittmer, was macht das Coronavirus so besonders?

Die Besonderheit besteht eigentlich nur darin, dass es völlig neu ist. Grundsätzlich sind die klassischen Grippeviren, die Influenzaviren, untereinander alle verwandt. Aber grippeähnliche Symptome können auch andere Virusfamilien, z.B. Corona Viren auslösen.

 

Welche Symptome unterscheidet das Coronavirus von den anderen Grippeerkrankungen?

Der Verlauf ist anfangs der echten Influenza sehr ähnlich. Der Hauptunterschied ist, dass es später häufiger zu einer Lungenentzündung kommt, weil das Virus sehr tief in den Atemwegen sitzt. Besonders Ältere sind davon betroffen und Menschen mit Lungenvorerkrankungen. Das unterscheidet die Krankheit von der SARS-Pandemie vor 17 Jahren. Damals sind auch viele vorher gesunde junge Menschen schwer erkrankt.

 

Also ist Corona nicht so schlimm wie SARS?

Stand jetzt ist es deutlich weniger gefährlich. Die Sterblichkeitsrate liegt derzeit beim Coronavirus bei unter drei Prozent. Bei SARS lag sie damals bei fast 20 Prozent. Bei den jetzt entdeckten Fällen in Bayern geht es allen Patienten relativ gut, bei ihnen besteht keine Lebensgefahr. Das zeigt, dass das Virus nicht so aggressiv ist. Das alles unter dem Vorbehalt, dass nicht  noch genetische Veränderungen auftreten.

 

Also ist die mediale Hysterie gerade unberechtigt?

Stellen Sie sich vor, das Gleiche würde jetzt durch einen uns schon bekanntes Grippevirus verursacht. Dann würde es diese mediale Aufmerksamkeit mit Sicherheit so nicht geben. Und natürlich spukt, vor allem in China, auch noch SARS in den Köpfen, das damals nicht optimal von den Behörden gemanaged worden ist.

 

Ist das Krisenmanagement diesmal besser als damals?

Die Behörden reagieren sehr drastisch. Viele Chinesen gehen kaum aus dem Haus und meiden die Öffentlichkeit, der Nahverkehr ist eingestellt in den Hochrisikoregionen. Das unterbindet zwangsläufig viele potenzielle Infektionsquellen. Aktuell steigen die Zahlen der bestätigten Infektionen, aufgrund der bis zu 2-wöchigen Inkubationszeit, zwar weiter, aber mittelfristig werden sie auch dank der strengen Maßnahmen in den Hochrisikozonen um Wuhan wieder sinken. Wie sich das allerdings im Rest Asiens entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

 

Wieso konnte das Coronavirus gerade in China so plötzlich entstehen?

Das Coronavirus ist nicht vom Himmel gefallen. Das gibt es sicherlich bereits länger in einem Tierreservoir, vielleicht schon seit vielen Jahrhunderten. Bei Untersuchungen von Fledermäusen in China ist ein sehr ähnliches Virus schon vor einigen Jahren gefunden worden. Diese Tiere sind – neben Nagetieren – generell mögliche Überträger von Viren auf den Menschen.

 

Halten Sie es für sinnvoll, wenn Deutschland seine Bürger aus China ausfliegen lässt?

Wuhan hat elf Millionen Einwohner und es gibt einige Tausend Infizierte. Wenn man jetzt nicht gerade in einem Krankenhaus arbeitet oder bei Großveranstaltungen war, ist die Wahrscheinlichkeit, sich als Deutscher angesteckt zu haben, relativ gering. Die Lage in Wuhan ist aber inzwischen, was das öffentliche Leben betrifft, sehr angespannt, so dass ich volles Verständnis habe, wenn Deutsche die Stadt verlassen wollen. Notfalls muss man diese Personen nach ihrer Einreise in Deutschland für 14 Tage in Quarantäne stecken, was ja auch vom Bundesministerium für Gesundheit vorgeschlagen wurde. Wenn sich nach zwei Wochen keine Symptome zeigen, dann haben diese Personen keine Infektion.

 

Welche Beziehung besteht zwischen der Essener Universitätsklinik und Wuhan?

Wir pflegen seit Jahrzehnten eine Kooperation mit dem Union Hospital in Wuhan. Außerdem haben wir seit 25 Jahren am Institut einen Mitarbeiter aus China, Herrn Professor Mengji Lu. Er hat viele Wissenschaftler aus seiner Heimat in seiner Arbeitsgruppe, einige davon stammen aus Wuhan. Vor drei Jahren haben wir mit unseren Partnern dort das gemeinsame internationale Essen-Wuhan-Labor für Virusforschung aufgebaut. Dadurch bin ich auch selbst jedes Jahr ein- bis zweimal Mal in China. Die medizinische Fakultät hat für dieses Labor jetzt 50.000 Euro bereitgestellt, um die Infektionen näher zu erforschen. Sobald es wieder möglich ist, werden auch wir wieder in Wuhan vor Ort arbeiten.