Das schwere Trauma - ein Problem, das alle betrifft!


4 Millionen Menschen erleiden in Deutschland jedes Jahr durch Unfälle im Verkehr, bei der Arbeit, im häuslichen Bereich oder in der Freizeit ernste Verletzungen (Trauma); in Essen sind es jährlich etwa 30.000 Menschen. Die daraus entstehenden gesundheitlichen, sozialen und wirtschaftlichen Folgen sind sowohl für den betroffenen Patienten und seine Familie als auch für die Gesellschaft erheblich. Dies trifft ganz besonders für die Schwer- und Schwerstverletzten zu, bei denen es sich überwiegend um Personen im Alter zwischen 20 und 45 Jahren handelt, die am Anfang oder in der Mitte ihres Berufslebens stehen, aber auch in zunehmenden Maße um ältere, aber sehr aktive Menschen handelt.

 

Bis in die heutige Zeit ist der Verlauf nach schwerem Trauma zum einen durch das frühe Versterben infolge Verbluten oder insbesondere schwerste Schädelverletzungen, zum anderen aber auch durch einen langen komplizierten Krankheitsverlauf mit hoher Sterblichkeit bestimmt. Die Erforschung der Pathomechanismen des Traumageschehens hat jedoch aufgezeigt, dass die Prognose der Verletzten durch die Therapiemaßnahmen der ersten Stunden maßgeblich bestimmt wird. Dabei gilt es, nach einer schnellstmöglichen Klinikeinlieferung durch den Notarzt, unmittelbar nach Klinikaufnahme sofort alle lebensbedrohlichen Verletzungen zu erkennen und zu behandeln. Darüber hinaus müssen innerhalb der ersten Stunde möglichst alle wichtigen Verletzungen erkannt und der entsprechenden Therapie zugeführt werden. Unter der Kenntnis, dass jeder operative Eingriff ein zusätzliches Trauma und damit eine zusätzliche Gefährdung des Patienten darstellt, gilt es in dieser Phase sehr genau abzuwägen, welche Verletzungen tatsächlich gleich, und welche zu einem späteren Zeitpunkt operiert werden müssen. In der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie der Universitätsklinik Essen wurden dafür Operationsstrategien entwickelt, die in differenzierter Weise eine frühe operative Stabilisierung von Knochenbrüchen erlauben, andererseits aber das Operationstrauma bei den besonders schwer verletzten Patienten möglichst gering halten. Bei dieser Patientengruppe werden die Frakturen zunächst mit einem sogenannten Fixateur externe versorgt. Dabei handelt es sich um eine Konstruktion, die den Bruch von außen stabilisiert und für deren Anbringung nur eine relativ kleine Operation notwendig ist. So kann vermieden werden, dass der Patient durch einen großen Eingriff einen zu großen Zusatzschaden erleidet. Nach Erholung des Patienten von den unmittelbaren Unfallfolgen kann dann in einem zweiten Eingriff die endgültige operative Versorgung erfolgen. Dabei ist es eine Grundvoraussetzung, dass alle denkbaren Operationen rund um die Uhr notfallmäßig durchgeführt werden können. Für den weiteren Verlauf ist eine hochleistungsfähige Intensivmedizin eine weitere unverzichtbare Voraussetzung. 


Wie verschiedenste, insbesondere amerikanische Analysen und Untersuchungen aufgezeigt haben, lassen sich die besten Ergebnisse in spezialisierten Traumazentren erzielen, welche über optimale strukturelle und personelle Voraussetzungen verfügen. Diese Anforderungen werden inzwischen auch in der Bundesrepublik Deutschland hinsichtlich einer optimalen Versorgung Schwerverletzter gestellt.

Traumatologische Versorgung am UK Essen

Im Zentrum der Versorgung schwerverletzter Patienten steht das Trauma-Team, das in fest definierter Zusammensetzung aus 6 ärztlichen Mitarbeitern der Kliniken für Orthopädie und Unfallchirurgie, für Anästhesiologie und Intensivmedizin, für Neurochirurgie und dem Zentralinstitut für Röntgendiagnostik sowie 4 Personen aus dem Pflege- und medizinisch-technischen Personal dieser Abteilungen besteht. Dieses Trauma-Team wird über eine zentrale Rufanlage alarmiert, wenn ein Schwerverletzter angekündigt wird. Bei Eintreffen des Patienten sind damit alle Beteiligten vollständig präsent.
Neben dem obligat immer anwesenden Trauma-Team stehen rund um die Uhr Vertreter der Kliniken für Allgemein- und Transplantationschirurgie, Thorax- und Kardiovaskuläre Chirurgie, Kardiologie , Mund-Gesichts-Kieferchirurgie, Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Augenheilkunde und Urologie notfallmäßig zur Verfügung. Darüber hinaus sind Vertreter aller weiterer Kliniken, die zur Behandlung von Spezialproblemen notwendig sein können, jederzeit abrufbar.

Die Notaufnahme eines Schwerverletzten erfolgt prinzipiell über einen speziell eingerichteten Schockraum, welcher sich direkt neben der Notarztwagenanfahrt befindet und vom Hubschrauberlandeplatz auf dem Dach des Gebäudes mit dem Aufzug erreichbar ist. Er ist mit allen Geräten zur Messung, Überwachung und Sicherung der lebenswichtigen Funktionen sowie den notwendigen Diagnostik- und Behandlungssets für die Akutversorgung ausgestattet. Neben einem dort fest stationierten Sonographiegerät ist der Schockraum mit einer an der Decke montierten, hochmodernen digitalen Röntgenanlage ausgestattet, welche die Standardröntgendiagnostik aller Körperregionen in wenigen Minuten ermöglicht. Die Röntgenbilder werden im Schockraum entwickelt und können sofort am Großbildschirm betrachtet werden. Unmittelbar neben dem Schockraum befindet sich ein Operationssaal für die Durchführung sofort notwendiger lebensrettender Notfalleingriffe.
Modernste Computer-Tomographie- und Kernspintomographiegeräte befinden sich in unmittelbarer Nähe des Schockraumes und sind innerhalb weniger Minuten 24 Stunden am Tag einsatzbereit.
Die Operationssäle befinden sich ein Stockwerk tiefer und sind über Aufzüge zu erreichen. Für die Weiterbehandlung der Patienten stehen neben der unfallchirurgischen, die neurochirurgische, anästhesiologische und allgemeinchirurgische Intensivstation zur Verfügung. 
Am Operativen Zentrum II des Universitätsklinikums sind die Kliniken für Orthopädie und Unfallchirurgie, für Allgemeine und Transplantationschirurgie, für Neurochirurgie, für Anästhesiologie und Intensivmedizin sowie das Zentralinstitut für Röntgendiagnostik unter einem Dach in unmittelbarem räumlichen Zusammenhang untergebracht. Zusammen verfügen die Abteilungen über mehr als 30 Intensivbetten, so dass eine durchgehende Aufnahmebereitschaft für traumatologische Notfallpatienten gewährleistet ist.

Notarzt
Eine optimale Schwerverletztenversorgung beginnt bereits am Unfallort durch den Notarzt. Der am Universitätsklinikum stationierte Notarztwagen wird gemeinsam von der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie und der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin betrieben. Pro Jahr werden etwa 3500 Einsätze gefahren. Die Leitung untersteht Univ.-Prof. Dr. med. M. Jäger. Dieser ist ebenfalls ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Essen und damit u.a. auch in enger Kooperation mit der Berufsfeuerwehr Essen für die medizinischen Belange und die Ausbildung der Rettungsassistenten zuständig. Diese erfolgt gemeinsam durch Mitarbeiter der beiden am Notarztdienst beteiligten Abteilungen. Die leitende Notarztgruppe in Essen setzt sich aus Mitarbeitern der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie und der Anästhesiologie zusammen.
Zusätzlich erfolgt die Zuverlegung von schwerverletzten Patienten aus der Umgebung Essens mittels des dortigen bodengebundenen Notarztsystems und des Rettungshubschraubers.

Notaufnahme
Die Leitung der Notaufnahme und der unfallchirurgischen Weiterbetreuung der Patienten liegt ebenfalls beim Direktor der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie. Im Jahr werden ungefähr 10.000 verunfallte Patienten behandelt, ca. 8000 ambulant und 2200 stationär. Jeweils 11% der Patienten sind unter 15 bzw. über 75 Jahre alt. Von diesen Notfällen werden pro Jahr ca. 600 Patienten über den Schockraum aufgenommen, davon erweisen sich über 300 tatsächlich als schwerverletzt. 


Wissenschaft
Die orthopädisch-unfallchirurgische Klinik ist wesentlicher Betreiber des Traumaregisters der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie. Hier erfolgt eine deutschlandweite (freiwillige) Erfassung von schwerverletzten Traumapatienten. Damit wird es möglich den Standard und die Qualität der Traumaversorung zu erfassen.

Wichtige Ergebnisse sind Qualitätsvergleiche zwischen Traumazentren, wichtige Erkenntnisse für die zukünftige weitere Verbesserung der Traumaversorgung und für wissenschaftliche Untersuchungen, ökonomische Analysen und die Entwicklung von Leitlinien für die Traumaversorgung.
Die Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie besitzt eine einzigartige und hervorragende Einrichtung zur kontinuierlichen Grundlagenforschung zu wichtigen wissenschaftlichen Fragestellungen in der Traumatologie. In Kooperation mit zahlreichen Instituten der Universität Essen werden Untersuchungen zur Pathophysiologie des schweren Trauma, von Sepsis und Multiorganversagen an verschiedenen Modellen untersucht. Weiterhin bestehen enge wissenschaftliche Kontakte mit renommierten Forschungseinrichtung im europäischen Ausland und der USA.

Die wissenschaftlichen Leistungen der Klinik und Poliklinik für Orthopädie und Unfallchirurgie finden in der großen Zahl wissenschaftlicher Veröffentlichungen national und international große Anerkennung. 

Behandlungsergebnisse
Im Rahmen des Qualitätsmanagements konnten eine Reihe wesentlicher Verbesserungen im Versorgungsablauf erzielt werden. Dies drückt sich auch in einer erheblich verbesserten Überlebensrate aus. Als Haupttodesursache verbleiben schwerste nicht überlebbare Verletzungen des Schädels und des Gehirns. Allerdings können bei unfallbedingten Blutungen innerhalb des Schädels durch schnellstmögliche Einlieferung in das Zentrum mit sofortiger Operation im Einzelfall ein Überleben mit guter geistiger Wiederherstellung erreicht werden. Dasselbe gilt für die zweite Haupttodesursache, das frühe Verbluten. Auch hier können immer wieder sonst chancenlose Patienten gerettet werden. Die größten Verbesserungen im Vergleich über die letzten 35 Jahre konnten jedoch bezüglich dem unfallbedingten späten Versterben (Multiorganversagen) nach Tagen bis Wochen erreicht werden.

 

Ansprechpartner:

Univ.-Prof. Dr. med. M. Dudda

OA PD Dr. med. M.D. Kauther

OA Dr. med. M. Burggraf

OA Dr. med. C. Vogel

OA Dr. med. A. Sander

OA Dr. med. L. Becker